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Achtsame Kommunikation

15. Juli 2020
7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Juli 2020

Ratschläge - sind manchmal halt doch nur Schläge.


Es war am Anfang meiner Therapeutenausbildung, als mein Dozent sich eine Zeit lang eine Diskussion zwischen zwei Teilnehmern anschaute und dann den Satz "Ratschläge sind manchmal Schläge." in den Raum warf. Darauf folgte zunächst peinlich berührtes Schweigen. Als mein Dozent dann noch sagte "Hier herrscht bis zum Ende ihrer Ausbildung Ratschlag Verbot" ging ein erleichtertes Raunen durch den Raum.


Viele Steine purzelten und ein neuer Raum konnte sich entfalten.



Was ist da bloß passiert und was hat das mit Mir zu tun?

Ja, ich verstehe Dich, falls Du jetzt vielleicht denkst, dass es Dich nichts angeht, weil es in einer Psychotherapieausbildung geschah, aber:


Achtsame Kommunikation geht jeden von uns an, auch Dich.


Lass uns zusammen das oben genannte Szenario anschauen:


Alle saßen in dem Moment dieses Unterrichtstages zusammen im Stuhlkreis. Die Gruppe umfasste circa 14 Personen; der Einfachheit halber teile ich alle Personen in die Typen A - E.


Kollegin (A) erzählte etwas Privates.

Kollegin (B) hatte eine Idee dazu und gab diese Preis.

(C) hatte auch noch einen Einwand.

(D) hatte das Gefühl auch etwas sagen zu müssen, wusste aber nicht wann.

(E) schaltete innerlich ab.

Kurze Zeit später:

(B) und (C) diskutierten,

(A) verstummte,

(D) + (E) fühlten sich gestresst.

Aber eigentlich schrie der ganze Raum nach Pause und frischer Luft.


Nachdem der Dozent, der zuvor nur beobachtend agiert hat, dieses Szenario unterbrach und ein "Ratschlag-Verbot" aussprach, luden wir eine neue Gesprächskultur - ein neues Miteinander - abseits von unserer Gewohnten, ein und machten dadurch eine vollkommen neue Erfahrung:


ein geschützter Raum, ohne Rechthaberei, ohne Urteil - sondern liebevolle Annahme & Wertschätzung



Unsere Worte machen nur einen Teil unserer Kommunikation aus & trotzdem haben sie sehr viel Macht. Manchmal entscheiden Sie zwischen Leben und Tod. Zwischen Beziehung und Trennung


„Worte können Fenster öffnen oder Mauern errichten“

(Marshall B. Rosenberg)

Kommunikation schafft Nähe oder Distanz!

Vielleicht kennst Du das Modell des Eisberges von Freud?


Die Spitze des Eisberges ist unser Bewusstsein, aber wer schon mal Bilder von Eisbergen gesehen hat, der weiß wie viel unter der Meeresoberfläche noch verborgen liegt. So kannst Du es mit unserer Kommunikation auch sehen!


wir können nicht nicht miteinander kommunizieren.


Mimik, Gestik, Aura, Körperhaltung,Sprache & Co!


Es schwingt so viel unter der Oberfläche mit: Alte Verletzungen und Erfahrungen, alte und jetzige Bedürfnisse, Missverständnisse, Unausgesprochenes, unser aktuelles Befinden (körperlich, geistig & seelisch).


Version 1 war gut gemeint: Sich öffnen, Zuhören, Analysieren, Ratschläge geben & daraus eine Diskussion entwickeln lassen, aber es eskalierte trotzdem zunehmend.


Was hat Person (A) dazu bewogen etwas von sich zu erzählen & was hätte Sie sich von der anderen Person vielleicht gewünscht? Wie fühlt Sie sich am Ende? (fiktive Überlegung)

Was wünscht Du Dir, wenn Du etwas von Dir preisgibst?


  1. Bestätigung, Anerkennung, Annahme, Halt, gesehen werden wollen, Angebot zum Kontakt & Interessenaustausch, Nähe herstellen oder eine Grenze ziehen, eigene Wert-vorstellungen präsentieren und Organisation der inneren Welt, Bewusstwerdung durchs sprechen, zeigen der eigenen Verletzlichkeit & Stärke.

  2. Aktives Zuhören: Zuhören, Wahrnehmen, Annehmen und Wertschätzen ggf. Unter-stützung, Begleitung, Bestätigung und Bestärkung.

  3. gefüllt mit Input: reich an Ideen und Lösungsstrategien. Fixierung auf die andere Person, die Ahnung hat. Zurückgewiesen (ihr Beziehungsangebot), nicht beachtet, nicht gesehen, unter Druck gesetzt, um eigene Erfahrungen "beraubt", Infragestellung der eigenen Fähigkeit übergangen/Grenzverletzung und Verwirrung.


Was hat Person (B) dazu bewogen Ratschläge zu erteilen & Lösungen zu präsentieren. Was hat ihr Verhalten gebracht? Welche Auswirkungen hatte ihr Verhalten auf sich selbst? (fiktive Überlegung)

  1. Eigene positive/negative Erfahrungen mitteilen (Zum Schutz, als Vorwurf), Hilflosigkeit, Angst zu versagen, Leistungsdruck, Helfersyndrom, Bestärkung, Rechthabererei, Pflege des eigenen Egos, gesehen werden wollen, andere Person nicht aushalten können, Versuch von zwischenmenschlichem Austausch. eigene Identifikation mit den Erfahrungen der anderen Person oder Identifikation mit dem eigenen Gesagtem, Wut & Unverständnis darüber wie die andere Person sich verhält. Mangelnde Geduld, Verantwortungsübernahme. Angst vor Kontrollverlust. Eigene Fähigkeiten hervorheben. Mauern errichten: Beziehungsangebot ablehnen.

  2. Ausübung von Kontrolle, Bestätigung und Hervorhebung der eigenen Fähigkeiten -> Pflege des eigenen Egos, Lösungsangebot und eigene Analysen weiter gegeben -> andere Person mit Hilfsmitteln versorgt, Grenzen gesetzt in dem sie auf kognitive Ebene geblieben ist, Sicherheit.

  3. Gefühl von Kontrolle & Macht, Hierarchiegefälle ändert sich günstig zu ihren Bedingungen, kurzfristige Zufriedenheit: Spüren der eigenen Handlungsfähigkeit, Bedeutsamkeit & Wirksamkeit, Rastlosigkeit/Getriebenheit, Ausgelaugt: energetisch leer gesaugt,Gefühl ihr fehlt ein Gegenüber der mithalten & sie auch halten kann. Erdrückende Last der Verantwortungsübernahme, Verletzung durch mangelnde Wertschätzung des Gegenübers auf ihr agieren: Dankbarkeit bleibt aus, Abwehr des Gegenübers auf ihre Ratschläge.


Ganz schön komplex oder?


Hierbei geht es übrigens nicht den Ratgeber an den Pranger zu stellen, sondern um eine erste Sensibilität auf Beiden Seiten herzustellen.


Wer kennt es denn nicht? 

"Ich habe Kopfschmerzen." - "Ach, ist bestimmt das Wetter, trink mal mehr Wasser, morgen ist bestimmt wieder besser. Eine Kopfschmerztablette brauchst du da nicht."


Tja, ob mich mein Gegenüber nach meiner tollen Meinung gefragt hat? ;-)

Hups!


(bis darauf, dass mein Gegenüber vielleicht innerlich die Augen verdreht, wird das aber nicht unbedingt zu Verletzungen führen, trotzdem: Das war eine Grenzüberschreitung & die birgt unnötiges Konfliktpotential. Vielleicht wollte mein Gegenüber nur mein Mitgefühl!


Ein "Du bist ganz schön destruktiv und traurig, das geht schon echt lange. Hör auf zu weinen, geh raus, wisch Dir die Tränen weg: Think Positive." als Reaktion auf einen weinenden Menschen, der sich gerade Verletzlich zeigt- ist dagegen schon ein ganz anderes Kaliber & kann in Abwehr enden und sogar zum Vertrauensbruch führen bis hin zum Abbruch des Kontaktes!

Das Ratschläge häufig nur dem Sender gut tut erfahren diejenigen meist dann, wenn sie Kinder haben & viele ungefragt eine Meinung und einen Ratschlag für sie parat haben.

Es macht halt doch einen Unterschied, ob man 1. nach einem Ratschlag gefragt hat & sich dementsprechen mit Interesse & Offenheit auf die andere Person die antwortet einlässt!

2. sich eine Lösung selbst erarbeitet durch nachdenken, informieren, sprechen und sortieren, denn die meisten Antworten & Lösungen stecken immer auch in Dir drinnen & nicht unbedingt in Deinem Gegenüber!  oder eben 3. den "Wust an Ratschlägen" anderer Leute ungefragt einatmen zu müssen.



Wie funktioniert denn jetzt Achtsame Kommunikation?

Antwort: Mit viel Menschlichkeit, Zuhören & Empathie. Näheres dazu weiter unten.


Ich bin doch nicht dafür da um dem anderen Honig ums Mäulchen zu schmieren & die Person in Watte zu packen. Ich möchte meine Meinung & Ratschläge trotzdem weiter geben!

Wenn du Deine Mitmenschen auf kurz oder lang nicht verlieren möchtest, Konflikte unnötig aufbauschen möchtest oder auch mal die Erfahrung einer tiefen Beziehungserfahrung erleben möchtest, dann lohnt es sich definitiv es einfach mal zu probieren & Honig kommt definitiv nicht drin vor. Vielleicht ist es für Dich auch mal entspannend nichts leisten zu müssen. Manchmal ist es auch mal interessant hinzuschauen, warum Du deine Rolle als Ratgeber so sehr brauchst.


Wenn Du dein Gegenüber schätzt, dann tut es auch definitiv nicht weh Deinen eigenen Standpunkt zu verlassen & Dich auf eine andere Person einzulassen & zu geben und zwar so wie sie/er es braucht & nicht wie Du es brauchst.





Achtsame Kommunikation

Dein/e Freund/in, Kollege/in, ein Familienmitglied erzählt Dir etwas

Zuhören ist manchmal gar nicht so einfach, denn vielleicht hast Du gerade selbst einen schlechten Tag, bist im Zeitdruck, fühlst Dich überfordert, hast eine Idee zu dem Gesagtem - bist schon ganz ungeduldig und möchtest jetzt gerne dran sein um selbst erzählen zu können oder interessierst Dich gar nicht für die Person oder das was sie sagt. Bist vielleicht sogar überfordert durch die Tränen Deines Gegenübers.


STOPP!!


1. Atme durch und versuche erstmal Dich und Dein Gegenüber wahrzunehmen & zwar über das Gesagte hinaus. Wie ist unsere Stimmung, Körpersprache, Tonlage & Mimik. Bin ich präsent, entspannt, kann ich mcih einlassen? Passt alles zum Gesagten oder entdeckst Du Diskrepanzen die Dich verunsichern?


  • Falls Du verunsichert bist, dann sag genau das & frag nach (Formuliere Ich - Botschaften). z.B.:  "Danke für dein Vertrauen. Ich merke das du gerade sehr aufgewühlt bist (Ich sehe wie traurig Du bist, wie viel Schmerz da mitschwingt, wie erschöpft Du bist). Ich mache mir gerade Sorgen um dich/Ich fühle mit. Brauchst Du gerade etwas bestimmtes oder reicht es Dir, wenn ich Dir jetzt einfach etwas zuhöre & mir Zeit für Dich nehme?"- Die andere Person bekommt die Möglichkeit zu entscheiden und der Zuhörer einen Rahmen. Ich brauche einfach mal ein Ohr, ich brauche eine Umarmung, ich will mich ablassen oder ich benötige einen Ratschlag/Idee.

  • Ganz wichtig ein „Ich weiß es nicht“ ist eine adäquate Antwort, genauso auch ein Schweigen oder ein Achselzucken. Hier herrscht gerade vielleicht größte Not und Verzweiflung, so viel Gefühlsgewalt, dass es schwierig ist kognitiv zu reagieren, gegebenfalls sind auch die geistigen, seelischen & körperlichen Kräfte gerade einfach ausgelaugt.

  • Wichtig: Gib Deinem Gegenüber Zeit & Raum sich zu entfalten, zu sprechen, zu weinen, zu klagen & sei achtsam und behutsam.

Jetzt ist kein guter Zeitpunkt für Fragen, Konfliktgespräche, Diskussionen oder Ratschläge. Schweigen heißt Nein und ist ein deutliches Stoppzeichen/eine Grenze & keine Erlaubnis, damit Du agierst.


  • Wenn du gerade keine Zeit, Kraft & Energie für ein Gespräch hast, dann pass auch gut auf Dich selbst auf. Melde das behutsam zurück. Beispielsweise: "Danke für dein Vertrauen, ich möchte mir gerne Zeit für Dich nehmen & dir zuhören, aber merke gerade, dass ich selbst gestresst o.ä bin & wahrscheinlich gerade kein guter Zuhörer bin. Was hälst Du davon, wenn ich morgen vorbei komme /wir uns treffen, heute Abend telefonieren. Ich würde mich freuen. Weint die Person gerade bitterlich oder steckt in einer Krisensituation, dann verschieb es nicht auf morgen.


2. Wertschätzung und empathisches einfühlen:

Beachte: dein Gegenüber versucht das Beste, in seinem Tempo mit sich und der Situation umzugehen. Höre aufmerksam zu, auch zwischen den Zeilen und melde das gerne zurück was du siehst, fühlst & bei der anderen Person wahrnimmst. "Du wirkst gerade so unendlich erschöpft", "Mensch, bist Du gerade sauer, das lässt Dich ja gar nicht mehr los.", "Ich finde es toll wie Du alles meisterst." Das ist eine Königsdisziplin. Es reicht meistens schon: auszuhalten, einzulassen und versuchen zu verstehen! Genauso auch, wenn Du versuchst Kritik zu äußern.


3. Kritik zu hören ist nicht einfach, im Gegenteil. Was steckt hinter der Kritik, was steckt hinter meinem Gefühl was ich fühle, wenn ich die Kritik höre. Was passiert im Hier und Jetzt. Schuldzuweisungen sind Fehl am Platz, Formulierung von Bedürfnisse. "Mir hätte eine Entschuldigung gut getan, ich habe mich zurückgewiesen gefühlt. Ich habe mich nicht verstanden gefühlt. Ich wollte angenommen werden, aber fühle mich gerade verlassen."

Atme du hast vielleicht unabsichtlich etwas getan & das passiert, übernimm Verantwortung & weise die Verletztheit & das Bedürfnis der anderen Person nicht zurück. Ein "hättest Du mal etwas früher gesagt, dies und das getan, ach, sei nicht so sensibel, du hättest ja nachfragen können. dann setze Dich doch mehr durch." Bringt jetzt auch nichts mehr, sondern stört nur noch mehr eure Beziehung, du errichtest damit gerade eine Mauer. Es ist schon passiert:


Reicht Euch die Hände & baut Brücken, öffnet Fenster.




Ich wünsche Euch ein liebevolles, respektvolles & achtsames Miteinander.


Alles Liebe.


Lisa

 
 
 

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